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Es regnet Geld, Deutschland!

Die hiesigen Firmen schütten in den kommenden Wochen 29 Milliarden Euro an Dividenden aus. Rechnerisch sind das 353 Euro pro Bundesbürger. Einen Teil des Geldes gibt es sogar steuerfrei

Selbst im Dax sind Renditen von bis zu acht Prozent zu finden. Versorger und Telekom bieten am meisten.

In den vergangenen Jahren sind dividendenstarke Werte bei Anlegern trotzdem etwas aus der Mode geraten

In den kommenden Monaten wird es still und leise 29 Milliarden Euro über Deutschland regnen. Nicht auf Marktplätze und Hinterhöfe, aber auf die Konten der Aktionäre. Es ist Dividendensaison und die Unternehmen schütten ihre Gewinne oder zumindest einen Teil davon an jene aus, die ein Recht darauf haben: die Anteilseigner. Über die Erhöhung des Leitzinses auf 1,25 Prozent können Deutschlands Aktionäre nur milde lächeln: Sie fahren in diesem Jahr satte drei Prozent an Rendite ein – zusätzlich zu den Kursgewinnen, die sie mit ihren Aktien derzeit erzielen.

Gleich am Montag zahlt der Pharma- und Chemiekonzern Merck 81 Millionen Euro aus, einen Tag später kommt der Konsumgüterhersteller Henkel mit 300 Millionen Euro, gefolgt von Daimler mit fast zwei Milliarden Euro am Donnerstag und dem MDax-Schwergewicht Axel Springer AG (in dem auch diese Zeitung erscheint) mit 157 Millionen Euro am Freitag. Summa summarum werden allein in der kommenden Woche 2,6 Milliarden Euro an Dividenden gezahlt.

Die Woche darauf schwillt der Geldregen weiter an: Über insgesamt drei Milliarden Euro dürfen sich die Aktionäre von Münchener Rück und RWE dann freuen. Der rheinisch-westfälische Versorger ist mit 7,4 Prozent der diesjährige Dividendenkönig. Im Deutschen Aktienindex (Dax) bietet kein Papier mehr. An RWE zeigt sich allerdings auch, dass die schiere Höhe der Dividende nicht das Allein-glückselig-Machende ist. Die Dividendenrendite errechnet sich, indem der Betrag der Ausschüttung durch den Aktienkurs dividiert wird. Eine hohe Rendite kann folglich durch eine gesteigerte Ausschüttung oder durch einen fallenden Aktienkurs zustande kommen. Bei RWE ist Letzteres der Fall: Der Ausschüttungsbetrag ist mit 3,50 Euro je Anteilschein gleich geblieben, doch hat sich der Börsenwert in den zurückliegenden zwölf Monaten um 25 Prozent vermindert. Ein ähnliches Bild bietet Konkurrent E.on. Zwar mutet eine Rendite von sieben Prozent attraktiv an, jedoch ergibt sich der hohe Wert dadurch, dass die Notierungen um 14 Prozent gefallen sind. Der Dax hat im gleichen Zeitraum 14 Prozent zugelegt.

Die schlechte Entwicklung der Versorgeraktien, die zuletzt durch die Energiewende beschleunigt wurde, ist auch ein Grund dafür, dass eine allzu undifferenzierte Dividendenstrategie nicht aufgegangen ist. Bei manchen Investoren ist es ein beliebtes Vorgehen, sich die jeweils renditestärksten Titel ins Depot zu holen. Über Jahre klappte das gut, und die Strategen konnten den Markt damit Jahr für Jahr schlagen. Nach diesem Prinzip funktioniert zum Beispiel auch der DivDax, der die 15 dividendenstärksten Werte des Dax enthält.

Zwischen der Jahrtausendwende und dem Jahr 2016 schnitt der DivDax um beachtliche 85 Prozentpunkte besser ab als der Dax. Doch mit der Finanzkrise kam eine Zäsur: Die vormaligen Dividendenstars fielen in Ungnade oder verschwanden sogar völlig von der Bildfläche. Zuerst waren es die Banken, die von ausschüttungsstarken Überfliegern zu Kellerkindern wurden, dann traf es die Versorger. Seit Anfang 2016 ist der DivDax um zehn Punkte hinter dem Dax zurückgeblieben. Inzwischen ist im DivDax keine Bank mehr vertreten. Wer auf die richtigen Dividendentitel setzte, konnte den schwächelnden DivDax jedoch weit hinter sich lassen. Der von Sonja Schemmann gelenkte Schroder Global Yield (WKN: A0F5AP) hat im gleichen Zeitraum nur etwas über acht Prozent verloren. Ein Spitzenfonds wie der DJE Dividende + Substanz (WKN: 164325), gemanagt von Jan Ehrhardt, konnte immerhin fünf Prozent zulegen.

Die fetteste Dividendensteigerung am Markt verzeichnet der TV-Konzern ProSiebenSat.1, der zum Sinnbild des deutschen Aufschwungs avanciert ist. Um unglaubliche 5600 Prozent legt die Ausschüttung in diesem Jahr zu, ausgehend allerdings von sehr niedrigem Niveau. Statt 0,02 Euro wie vergangenes Jahr gibt es 1,14 Euro pro Aktie. Der entscheidende Termin ist der 1. Juli 2011. Jeder, der die Aktie dann in seinem Besitz hat, kommt am darauffolgenden Werktag in den Genuss der Ausschüttung. ProSiebenSat.1 ist ein gutes Beispiel dafür, dass dividendenstarke Aktien auch eine gute Kursentwicklung an den Tag legen können. Auf Sicht von zwölf Monaten haben die Notierungen um 50 Prozent zugelegt. Und geht es nach den Analysten, setzt sich die Erfolgsgeschichte fort: Für das kommende Jahre erwarten die Analysten eine Dividende von 1,63 Euro, das wären noch mal 43 Prozent mehr. Dem Kurs wird ein Plus von weiteren 25 Prozent zugetraut. Schon jetzt ist die Dividendenrendite von sechs Prozent äußerst verlockend, 2011 könnte sie dann sogar bei 8,4 Prozent stehen.

Amadeus Fire ist ebenfalls ein Nutznießer des neuen deutschen Wirtschaftswunders. Bei der Zeitarbeitsfirma, die von der Belebung des hiesigen Arbeitsmarkts profitiert, liegt die Rendite bei satten fünf Prozent, und das, obwohl die Aktie gegenüber dem Vorjahr um 83 Prozent zugelegt hat. Für 2012 erwarten Analysten eine weitere Anhebung der Dividende. Allerdings gibt es bei Zeitarbeitsfirmen ein politisches Risiko: Eine Ausweitung der Mindestlohn-Gesetzgebung könnte den Firmen das Geschäft erschweren.

Selbst die viel gescholtene Deutsche Telekom ist dieses Jahr Teil der Erfolgsgeschichte. Zwar wird die Dividende um acht Cent auf 0,70 Euro gekürzt. Allerdings lockt weiterhin eine Rendite von mehr als sechs Prozent.

Im internationalen Vergleich kann sich Deutschlands Dividendenrendite durchaus sehen lassen. Das liegt daran, dass die Gewinne hier seit Ende der Rezession besonders stark gestiegen sind. Auch der Staat freut sich über den warmen Regen, bekommt er doch ein Viertel der Ausschüttungen. Dieses Jahr sind das gut sechs Milliarden. Seit Januar 2009 unterliegen Dividenden hierzulande der Abgeltungsteuer. Dieser Obolus erreicht den Anleger gar nicht erst, er wird direkt von der Bank einbehalten. Davor schützt nur die Einreichung eines Freistellungsauftrags: Ledige dürfen demnach bis zu 801 Euro, Verheiratete bis zu 1602 Euro steuerfrei einnehmen. Allerdings fallen unter diesen Freibetrag nicht nur die Dividenden, sondern auch Zinszahlungen sowie Kursgewinne.

Bei einigen wenigen Ausschüttungen greift die Abgeltungsteuer indes nicht, zum Beispiel bei der Deutschen Euroshop, dem Weinhändler Hawesko, der Deutschen Telekom und der Deutschen Post. Bei all diesen Unternehmen fließen die Dividenden direkt auf das Konto des jeweiligen Anteilseigners, ohne dass der Fiskus davon etwas abschöpft. Das liegt daran, dass der ausgeschüttete Betrag nicht aus dem laufenden Gewinn des Konzerns bestritten wird, sondern aus Rücklagen der jeweiligen Gesellschaft.